A-IQ Ready
Von Quantensensorik und künstlicher Intelligenz
Der beginnende Klimawandel, weit verbreitete geopolitische Konflikte und soziale Ungleichheiten machen deutlich, dass Innovationen und Veränderungen notwendig sind, um eine bessere Welt zu schaffen.
Mit dem Projekt A-IQ Ready (Artificial Intelligence Using Quantum Measured Information for Realtime Distributed Systems at the Edge) haben sich 50 Projektpartner aus 15 Ländern (darunter die Hochschule Offenburg) zusammengeschlossen, um sich mit breiter Front den Problemen unserer und der bevorstehenden Zeit zu stellen. Ausgerüstet mit Cutting-edge-Technologien wie Quantensensorik und künstlicher Intelligenz arbeiten die Projektpartner in acht Supply Chains an neuartigen Methoden, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.
Als Teil der Supply Chain "Propulsion Health and Availability in Safety-Critical Situations" forscht die Hochschule Offenburg an neuronalen Netzen und maschinellen Lernmethoden, um die Elektromobilität der Zukunft sicherer zu machen: Die Entwicklung neuartiger Quantensensorik wird Einblicke in das physikalische Verhalten hochausgelasteter Elektromotoren geben, die den Forscher*innen und Ingenieur*innen bisher verborgen waren. Dadurch sollen ein besseres Verständnis für das physikalische Verhalten des Motors in Fehlerfällen erlangt sowie Aussagen über den State-of-Health (SOH) und die Wahrscheinlichkeit eines bevorstehenden Ausfalls getroffen werden. Da die genauen Datenzusammenhänge schwer nachvollziehbar sind, werden an der Hochschule Offenburg neuronale Netze darauf trainiert, sich das Verhalten des Motors auf Basis der oben beschriebenen Sensordaten anzueignen. So entsteht ein digitales Abbild des Motors, das es erlaubt, ausgehend von problemlos zu messenden Größen auf interne Zustände schließen zu können, die in seriennahen Motoren (ohne teure Quantensensorik) unzugänglich wären.
Neuronale Netze und Machine Learning sind in aller Munde – und markieren unbestritten den State of the Art. Was genau gibt es denn noch zu erforschen?
Diese Frage gewinnt an Bedeutung, wenn man einen Arbeitsschritt weiterdenkt: Wie groß muss ein neuronales Netz eigentlich sein, um die bereitstehenden Informationen (sog. Trainingsdaten) sinnvoll erlernen und performant nutzen zu können? Wie genau bringt man dem Netz die Trainingsdaten überhaupt nahe? Sollten am besten alle Daten auf einmal vermittelt werden oder doch lieber Schritt für Schritt in kleinen Datenhäppchen?
Und selbst wenn der richtige Riecher oder ein Quäntchen Glück ein präzises neuronales Netz hervorgebracht hat, wird das Hinterfragen längst nicht obsolet, denn: Vielleicht gibt es ja andere Konfigurationen, die bei derselben Datengrundlage zu noch besseren Ergebnissen führen? Oder solche, die ähnlich präzise sind, aber dafür viel weniger Trainingszeit benötigen?
Genau diesen Fragen ging die Hochschule Offenburg im Rahmen des AIQ Ready Projekts auf die Spur: Für eine Fallstudie wurden verschiedene Einstellungsmöglichkeiten (sog. Hyperparameter) ausgewählt und hinsichtlich ihres Einflusses auf die Güte fertig trainierter Netze und die Trainingsdauer untersucht. Dabei zeichneten sich interessante Wirkmuster ab: Bereits kleine Unterschiede bei der Wahl der Hyperparameter können über Erfolg und Fehlschlag entscheiden.
Ein ausgewähltes Beispiel hierfür ist in Abb. 1 dargestellt: Zu sehen sind die Reaktionen zweier fertig trainierter neuronaler Netze (gelber Graph für Netz 1, blauer Graph für Netz 2, Abb. 1 oben) auf dieselbe Eingabesequenz (drei Graphen, Abb. 1 unten). Je eher die Ausgabe der Netze mit dem durch Messung bestimmten Referenzergebnis (oranger Graph, Abb. 1 oben) übereinstimmt, desto präziser sind sie. Beide Netze sind gleich aufgebaut und wurden mit identischen Daten trainiert – einzig die Untergliederung dieser Trainingsdaten in besagte Datenhäppchen ist unterschiedlich.
Der Einfluss hingegen ist gravierend: Während die Ausgabesequenz von Netz 1 überhaupt nichts mit dem Referenzergebnis gemein hat, performt Netz 2 fast deckungsgleich mit der Referenz. Bezogen auf elektrische Motoren bedeutet das: Netz 2 imitiert das Betriebsverhalten eines Motors sehr gut und kann entsprechend als digitales Abbild verwendet werden, Netz 1 hingegen arbeitet völlig an der Realität vorbei und ist entsprechend ungeeignet.
Abbildung 2: Präzision verschiedener neuronaler Netze, die auf Grundlage unterschiedlicher Hyperparameterkonfigurationen trainiert wurden, aufgetragen über die Trainingsdauer.
Jeder Marker steht für ein trainiertes und ausgewertetes neuronales Netz: Die Farbgebung markiert die unterschiedlichen Batchlängen, die Form beschreibt den Grad an Überlappung.
Eine interessante Erkenntnis der geleisteten Forschungsarbeit ist, dass die Größe der Netze für die gewählte Architektur (um ganz konkret zu sein, wurden Neuronale Zustandsraummodelle verwendet) von untergeordneter Bedeutung ist: Schon wenige vernetzte künstliche Neuronen reichen aus, um performante Netze zu konstruieren. Ist eine schmale Schwelle zu kleiner, untauglicher Netze überschritten, führt selbst eine Vervielfachung der verwendeten Neuronen nur noch zu marginalen Verbesserungen.
Die Untersuchungen zeigten auch, dass vor allem den erwähnten 'Datenhäppchen' (sog. Batches) eine signifikante Bedeutung zukommt. Zu versuchen, alle Daten auf einmal anzutrainieren ist demnach eine denkbar schlechte Idee. Zu viele zu kleine Häppchen hingegen verlangsamen das Training erheblich (rote Marker, Abb. 2) und führen ebenfalls zu weniger präzisen Ergebnissen. Ein Sweet Spot konnte für Batches mit einer Länge von 50-100 Datenpunkten identifiziert werden (türkise und blaue Marker, Abb. 2). In diesem Zusammenhang wurde noch eine weitere Eigenschaft untersucht: Was passiert eigentlich, wenn man den Batches gestattet, sich etwas zu überlappen – sprich sich Datenpunkte zu teilen?
Hier zeigten die Forschungen ein ganz eindeutiges Ergebnis: Je stärker sich die Batches überlappen, desto besser funktionieren die durch sie trainierten neuronalen Netze! Nachteilig ist jedoch, dass damit auch die Trainingsdauer ansteigt, da Datenpunkte hierdurch mehrfach berücksichtigt werden. Somit stehen Anwendenden Stellschrauben bereit, die je nach Zeitreserve und Güteansprüche eingestellt werden können.
Die ausführlichen Ergebnisse wurden 2025 auf der International Electric Machines and Drives Conference (IEMDC) in Houston/Texas erstmals vorgestellt und als Paper bei IEEE veröffentlicht: https://doi.org/10.1109/IEMDC60492.2025.11061168
Förderprogramm
A-IQ READY wird im Rahmen des Gemeinsamen Unternehmens für digitale Schlüsseltechnologien (KDT JU) - der öffentlich-privaten Partnerschaft für Forschung, Entwicklung und Innovation im Rahmen von Horizont Europa - und der nationalen Behörden unter der Finanzhilfevereinbarung Nr. 101096658 gefördert.
Projektpartner
50 Projektpartner aus 15 europäischen Ländern
Projektzeitraum
Februar 2023 bis Juni 2026